Privatsammlung
2010, Heidenheim

Tennis, Leinenschuhe und Limonade im Garten

„Die Privatsammlung“ von Stefan Sous holt die Kunst im öffentlichen Raum vom Sockel

Das kommt in den besten Familien vor: Der Schrank wackelt, der Stuhl bricht, der Staubsauger gibt den Geist auf. Ob Mensch oder Dingwelt, alles ist endlich, vergeht, schwindet, wenn seine Zeit auf Erden abgelaufen ist. Der Düsseldorfer Bildhauer Stefan Sous verhandelt in seiner Installation „Privatsammlung“ ein Thema, das die Kunst von jeher beschäftigt: die Vergänglichkeit allen Seins. Memento mori - gedenke des Todes scheinen die ausrangierten Tennisschläger zu raunen, aus dem leeren Nachttisch hört man es förmlich flüstern: „Warte nur, balde ruhest du auch“. Die rostige Installation in der Heidenheimer Innenstadt ist eine moderne Variante des Vanitasstillebens.

Aber dem Künstler Stefan Sous liegt nichts ferner als schiere Schwermut. Ironie ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. Sein Thema ist die Dingwelt, die er auf vielfältige Weise, aber stets mit einem ironischen Augenzwinkern analysiert oder konterkariert. Er zerlegt Apparaturen und Geräte, hat schon Autos, Rasenmäher und Handmixer demontiert und die Einzelteile an Fäden ins Museum gehängt. Für die Skulpturenbiennale Münsterland hat er Wohnwagen zu einer irrwitzigen Skulptur verschachtelt. Auch die „Privatsammlung“, für die ein realer Sperrmüllhaufen originalgetreu in Stahlguss nachgeformt wurde, ist ein Trompe-l’œil, eine Art optischer Witz, den die Betrachter meist mit einem Lachen quittieren. Es ist die Freude über den subversiven Akt, dass hier ein fremdes Material so kühn in den Alltag geschmuggelt wurde.

Doch die „Privatsammlung“ spielt nicht nur mit Wahrnehmung und Irritation, sondern reizt auch den Kunstbegriff radikal aus. Da sind die abgebildeten Gegenstände. Sperrmüll, Abfall, Schrott werden hier als kunstwürdig deklariert. Stefan Sous profanisiert die Kunst. Er wählt keinen repräsentativen Ort, sondern einen rein funktionalen Nebenschauplatz. Das Material: rostender Eisenguss, dem mit seiner stumpfen Patina jede Eleganz und Werthaltigkeit abgeht. Stefan Sous stellt sich bewusst gegen die Tradition der Kunst im öffentlichen Raum, er holt sie im wahrsten Wortsinn vom Sockel. Diese Gattung, die einst der Darstellung von Herrschern und Heiligen vorbehalten war und bis heute vor allem dekorative Zwecke zu erfüllen hat, ist bei ihm mitten im profanen Alltag angekommen.

Es könnte sich bei dem ausrangierten Mobiliar um die Hinterlassenschaften einer Familie handeln, die vielleicht einst in der großbürgerlichen Villa jenseits der Mauer lebte. Die Tennisschläger und schweren Bildrahmen, die gülden gewesen sein werden, konnotieren ein Leben im Wohlstand. Man meint sie vor sich zu sehen, die jungen Menschen in weißen Leinenschuhen, die auf den hölzernen Gartenstühlen sitzen und kühle Limonade trinken, begleitet vom wohligen Plopp der Tennisbälle.

So steckt auch ein wenig Nostalgie in dieser rötlichen Resterampe, diffuse Erinnerungen an verblasste Zeiten werden wach, als bei den Großeltern noch schwere Schleiflackmöbel im ungeheizten Schlafzimmer standen. Diese „Privatsammlung“ ist keineswegs privat. Nicht nur, weil sie auf der Straße den Blicken aller schonungslos preisgegeben ist, sondern auch, weil sie aus dem kollektiven Gedächtnis zu stammen scheint – und an frühere Generationen und damit an die großen Zeitläufe erinnert. So holt Stefan Sous auch das ins Bewusstsein zurück, was doch mit dem Müllwagen abtransportiert werden soll: die Vergangenheit. Seine „Privatsammlung“ macht deutlich: Man kann die alten Möbel ausrangieren, um Platz für die Zukunft zu schaffen. Die Vergangenheit aber bleibt trotzdem stets ein Teil der Gegenwart, ein Teil des Lebens.

Adrienne Braun

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